Neues aus Niederbroich

Hier kommen Anekdoten und Geschichten aus Niederbroich, die es nicht ins Manuskript des zweiten Kati-Küppers-Krimis geschafft haben. Sie sollen denen, die auf den zweiten Band warten, die Wartezeit versüßen, und denen, die noch nichts von der agilen Küsterin gehört haben, Niederbroich und seine Einwohner vorstellen. Auf jeden Fall sollen sie aber unterhalten und Freude bereiten. Viel Vergnügen beim Lesen.

Die Luft im großen Saal des Pfarrzentrums war stickig und roch nach abgestandenem Bier. Sabine Kirschbaum riss die Fenster weit auf. Kühlung brachte es nicht. Das wusste sie. Wenn sie Pech hatte, würde bei der drückenden Wetterlage keine ihrer Seniorinnen zum Turnen erscheinen. Seit sie gestern die Wettervorhersage gehört hatte, überlegte Sabine, wie sie das Sportprogramm so gestalten konnte, dass niemand einen Kreislaufkollaps erlitt und trotzdem alle etwas für ihr körperliches Wohlergehen taten. Der Mittwochskurs war erfreulich fit. Stuhlkreisgymnastik für Bewegungslegasteniker kam da nicht in Frage. Vorsichtshalber hatte Sabine ein paar Flaschen Wasser mitgebracht, die sie jetzt auf der Fensterbank deponierte. Sie würde heute eine zusätzliche Trinkpause einbauen und die Damen vor dem Nachhausegehen noch einmal auffordern, viel zu trinken. Sabine betrachtete die trockene Rasenfläche vor dem Fenster. Zuhause hatte sie in dieser Woche jeden Abend den Sprenger angestellt. Dafür war ihr Rasen saftig grün. Dort wäre jetzt der ideale Platz für die Morgengymnastik. Durch den Schatten, den die alten Bäume warfen, war es in ihrem Garten noch gut auszuhalten.
Das hätte schon was, dachte sie, ihre Gymnastikkurse im eigenen Haus stattfinden zu lassen. Sie könnten barfuß im taunassen Gras Venenübungen machen. Sie könnte ihren Teilnehmerinnen Pezzibälle und Pilates-Rollen anbieten. Im Pfarrzentrum konnte Sabine das nicht, weil der Platz zum Lagern fehlte. Sie würde große Yoga-Matten besorgen, auf denen man entspannt liegen konnte. Massagen mit Igelbällen und das Bearbeiten der Faszien mithilfe der Blackroll wären bei Bedarf schnell ins Programm eingeschoben. Sabine sah die Frauen schon im umgebauten Wohnzimmer vor sich. Sie hüpften auf ihren Pezzibällen auf und ab und johlten dabei wie Kinder.
„Dat sieht us, wie wenn du am Reiten wörst.“
„Jenau. Lass knacken, Amigo. Die Hühner sind gesattelt.“
„Wir reiten nach Laramie.“
Das passende Indianergeheul tönte vom benachbarten Kindergarten durch die offenen Fenster. Sabine seufzte. Den Umbau würde sie sich nie leisten können und der Ritt ihrer Mittwochsfrauen auf Pezzibällen nach Laramie würde immer ein Traum bleiben.
„Mensch, is dat lecker wärm hier.“
Sabine fuhr herum. Vor ihr stand Sigrid Meier-Köster mit einem Handtuch über der rechten Schulter und einer gerollten Isomatte unter dem linken Arm. Selbst zum Sport kam die reiselustige Mittsechzigerin grell geschminkt. Sabine wunderte sich jedes Mal, wie man die Farbe so fixieren konnte, dass nichts verlief. Bei ihr selbst verwischte jeder Kajal und jede Mascara schon ohne sportliche Betätigung, weshalb sie gerne darauf verzichtete.
„Simmer die ersten? Ulla, loss dich ruhisch Ziet. Is noch kinner do.“
Hinter Sigrid Meier-Köster tauchte Ulla Verhoeven auf. Auch sie hatte die Isomatte unter den Arm geklemmt. Mit einem Zipfel des Handtuches, das ihr um den Hals hing, wischte sie sich den Schweiß von der Stirn.
„Verzäll du mich nochens von Wechseljohr. Dat is ki fliejende Hitz! Morjen Sabine.“ Ulla Verhoeven nickte grüßend, zog das Gummiband von der Isomatte und versuchte, die widerspenstige Schaumstoffbahn auszurollen.
„Guten Morgen, die Damen“, begrüßte Sabine die Neuankömmlinge. „Heute schwitzen alle. Fliegende Hitze hin, Wechseljahre her. Selbst mir läuft der Schweiß. Deshalb turnen wir heute ganz piano.“
„Mit Klavier! Och wie nett“, freute sich Ulla Verhoeven.
Sigrid Meier-Köster verdrehte die Augen.
„Mer mache hütt langsam, meint dat Sabine. Nix Klavier.“
Ulla Verhoeven zog eine Schnute. „Wär doch nett jewesen.“
„Stell dichens vör, dä Dr. Überleitner klimpert uns jett, wemma dä Pöppes stippe.“
Sigrids Vorstellung, dass der Leiter des Kirchenchores Dr. Jochen Überleitner mit seinem weißen Schal am Klavier saß, während die Mittwochsfrauen beim Turnen ihre Hintern in die Luft streckten, löste bei Ulla Verhoeven Lachtränen aus. Sie hielt sich den Bauch und japste nach Luft.
Ballettstangen, dachte Sabine, ihr Gymnastikraum hätte Ballettstangen und eine Wand mit Spiegeln. Und ein Klavier! Sie lächelte und verteilte Wasserflaschen an Sigrid, Ulla und die drei Frauen, die gerade den Pfarrsaal betraten.
„Dann wollen wir beginnen, bevor es noch heißer wird.“
Sabine stöpselte den mitgebrachten CD-Spieler ein.
„Simma schon komplett? Kütt dat Kati widder nich?“, erkundigte sich Sigrid.
Sabine zuckte die Schultern. „Sie wollte es versuchen.“
„Morgen, Mädels. Da bin ich.“
Kati nickte Sabine zu und wurde sofort von den Turnerinnen umringt. Unter großem Hallo, Händeschütteln und Schulterklopfen begrüßten sie die langersehnte Gefährtin in ihrer Mitte. Kati wäre nur allzu gern zur Hintertür wieder hinausgeschlüpft, doch die gab es im großen Saal des Pfarrheims nicht. Zum Glück klatschte Sabine in die Hände, wartete, bis Ruhe herrschte, hieß Kati ein letztes Mal herzlich willkommen und startete die Musik.
„Auf geht’s. Erst einmal laufen wir kreuz und quer durch den Saal. Dabei lassen wir ganz locker die Arme links und rechts neben dem Körper pendeln.“
Die Turnerinnen setzten sich in Bewegung und liefen wie gefordert kreuz und quer zwischen den ausgebreiteten Matten durch den Saal.
„Jetzt machen wir die Hände weit auf und zu, gehen auf die Zehenspitzen und nehmen die Arme langsam seitlich hoch bis über den Kopf. Ja, gut so.“
Sabine nickte jeder, die an ihr vorbeimarschierte, aufmunternd zu.
„Und jetzt ziehen wir die Rippen auseinander und machen uns gaaaaanz lang. Greifen Sie nach den Sternen. Pflücken Sie sie vom Himmel.“
Auf Sabines Ansage gingen die Frauen auf die Zehenspitzen und reckten sich. Kati grinste. Falls die Decke des Pfarrsaals wieder gestrichen werden müsste, würde sie Pater Remigius raten, diese Frauen zu engagieren.
„Nextens mache mer dat bei uns zu hus, wenn isch en Püngel Wäsch hang. Jeder schnappt sich en Bettdook un hängtet up de Wäschling. Da wör isch imnu fädisch.“
Ulla Verhoeven schien die Bettlaken schon vor sich hängen zu sehen. Kati bewunderte gerade, dass Ulla noch die Luft zum Quatschen hatte, als Sigrid Meier-Köster neben ihr ins Straucheln geriet.
„Atmen nich verjessen, Liebelein“, rief Ulla aufgeregt. „Wenn du wüsstest wie du ussühs. Die Trikots vom FC sin blass jejen disch.“
Sigrid hatte längst aufgehört, Sterne zu pflücken oder Wäsche aufzuhängen. Sie jappste, griff nach Ullas Arm und verdrehte die Augen. Dann ging sie in die Knie.
Endlich wachte Sabine aus ihren Träumen auf und eilte zu Hilfe.
„Vorsichtig hinlegen. So ist gut. Kati, schnapp dir Sigrids Füße und halte sie hoch.“  Während Ulla Sigrids Kopf stützte, setzte Sabine ihr die Wasserflasche an den Mund. Sigrid trank einen Schluck und kicherte. Inzwischen hatten sich alle Turnfrauen um sie geschart.
„De mieste Unfälle passieren im Haushalt. Mer hang zu vill Bettdöker ufjehange. Hätteme ma besser Stärnche jeplück.“
Sabine sah Sigrid Meier-Köster ratlos an. Noch nie war jemand in ihrem Kurs kollabiert. Und wenn sie nicht geträumt hätte, läge Sigrid jetzt nicht hier und würde zusammenhangloses Zeug von sich geben. Wenn das bloß kein …
„Heben Sie mal bitte die Arme, Frau Meier-Köster.“
Sigrid schüttelte den Kopf und schloss die Augen.
„Lass misch schloope. Isch bin mööd.“
„Oh nein, schön wach bleiben.“ Sabine klopfte ihre Wange. „Sagen Sie mir, wie Sie heißen.“
„Weißt du doch“, antwortete Sigrid, ohne die Augen zu öffnen.
Wie sollte Sabine sicher sein, dass Sigrid keinen Schlaganfall hatte, wenn sie nicht auf ihre Aufforderungen reagierte? Ihr kam eine Idee. Sie sangen schon länger gemeinsam im Kirchenchor unter der Fuchtel von Herrn Dr. Überleitner. Der hatte anfangs die Namen verwechselt oder verdreht und Sigrid gedrängt, die Herren im Tenor zu unterstützen. Das hatte Sigrid unglaublich auf die Palme gebracht. Sabine lächelte.
„Seit wann singen Sie eigentlich Tenor, Frau Köstlich?“
Mit einem Ruck setzte sich Sigrid auf. Ihr Gesicht bekam wieder Farbe.
„Jetz iset evver jood. Hässene Sonnenstisch, leev Sabinschen?“ Sie drehte sich auf die Knie, um rückengerecht aufzustehen, wie Sabine es immer forderte.
„Köstlich!“, schnaubte sie dabei. „Und Tenor? Dat is dochet lätzte. Ich heiße Meier-Köster und singe immer noch Sopran!“
Sabine grinste. „Entschuldigung.“
„Mensch Sigrid!“ Kati knuffte ihre einstige Schulkollegin auf den Oberarm, „Sabine wollte nur sicher gehen, dass du keinen Schlaganfall hast. Streckst du jetzt bitte mal beide Arme nach vorne?“
Sigrid machte große Augen und sog hörbar die Luft ein. Endlich streckte sie die Arme aus. Sabine atmete auf.

 

Kati Küppers kippte gerade heißes Wasser in den Kaffeefilter, als der Lastwagen der Gerüstbaufirma direkt vor dem Küchenfenster hielt und ihr den Blick auf die Kirche versperrte.
„Die Renovierungsarbeiten scheinen loszugehen“, sagte sie zu Jo, der gerade den Frühstückstisch für drei Personen deckte. „Dann koch ich mal eine Kanne Kaffee zusätzlich für die jungen Leute da draußen.“
Kaffee und Marmelade war so ziemlich das Einzige, das Kati wirklich gut kochen konnte. Alles andere überließ sie lieber ihrem Mann, der die Küche für sich entdeckt hatte, seit er in Rente war.
Kati fand Gefallen am Anblick der jungen Männer, die kraftvoll die einzelnen Gerüstteile schulterten und zum Aufbau vor dem Haus abluden. Sie hätte ihnen noch stundenlang zusehen können, wenn Walter Heinrich nicht die Idylle getrübt hätte.
Sie hatte wirklich versucht, sich mit dem ruheliebenden Mitbewohner zu arrangieren. Über seine Macke, die eingeschweißten Prospekte und Kataloge aus fremden Briefkästen zu stibitzen, die Folie abzureißen und ordnungsgemäß in der gelben Tonne zu entsorgen, konnte sie lachen. Dass er anschließend auf jeden Prospekt und jeden Katalog „Altpapier!“ schrieb und vorschlug, „das unnütze Papierzeug“ doch erst gar nicht zu bestellen, verzieh sie ihm gern. Vielleicht machte es Niederbroich sogar zu einem sichereren Ort, wenn er im Fenster lag und die Augen offen hielt. Wahrscheinlich hatte er davon schon Hornhaut an den Unterarmen. Aber dass er immer die Polizei rief, sobald sie mal die Musik lauter drehten, nervte. Und zwar alle. Die Küppers. Die Polizei. Und selbst den ollen Heinrich.
Daran hatte sich auch nichts geändert, als vor einem halben Jahr Kommissar Rommerskirchen und seine Freundin die obere Wohnung des Hauses bezogen hatten. Natürlich hatte Walter Heinrich die erste Beschwerde auf dem kleinen Dienstweg in die obere Etage getragen. Doch seid die jungen Leute ihn zur „Housewarming“-Party eingeladen hatten, vermutete er eine Verschwörung von unterer und oberer Etage. So griff er also wieder zum Telefonhörer und verständigte das nächste Revier über ungeheuerliche Lärmbelästigungen.
Dennoch waren Kati und Jo hier glücklich. Als das jüngste ihrer drei Kinder ausgezogen war, hatten sie beschlossen, sich von dem Reihenhaus mit dem gigantischen Garten zu trennen. Mit allen Mitteln versuchten daraufhin die Kinder, sie vom Verkauf abzuhalten. Aber haben wollte das Haus keiner von ihnen. Alle hatten Niederbroich mittlerweile verlassen. Fünfzehn Jahre musste das jetzt her sein.
Bene erschien am Küchentisch.
„Guten Morgen“, flötete er und setzte sich.
Kati hob die Augenbrauen. Sie hatte Gemaule erwartet über den Krach, der einen in den Ferien am frühen Morgen aus den schönsten Träumen riss. Stattdessen saß ihr Enkel frisch geduscht und gestylt in bester Laune vor ihr. Er griff nach einer Scheibe Rosinenstuten und strich Butter darauf.
„Langsam, junger Mann. Du hast doch Ferien.“ Jo zwinkerte Bene zu.
„Genau, Opi. Deshalb muss ich mich ja beeilen. Die anderen warten schon.“ Er biss in den Stuten und fuhr mit vollem Mund fort: „Oma, die Idee mit dem Phantasialand war genial. Wir fahren mit der Bahn. Moritz hat die Verbindung rausgesucht und Tageskarten besorgt. Da können alle mit.“
„Alle?“ Kati goss Jo Kaffee ein. Kurz überschlug sie, was sie auf die Schnelle für den Ausflug zusammenpacken könnte.
„Moritz und Patrick. Marie und Lilli.“
„Lilli?“
„Ja, Lilli. Vom Bäcker. Kennste doch, oder?“
Kati entging nicht, dass Benes Ohren glühten und seine Augen einen besonderen Glanz angenommen hatten. Jo legte ihr die Hand auf den Arm und lächelte vielsagend.
„Und noch ein paar aus Niederbroich und Umgebung. Wenn alle mitkommen, sind wir bestimmt zehn.“
Großeltern waren nicht eingeplant, stellte Kati ernüchtert fest.
„Noch Zeit für ein Lunchpaket?“, fragte Jo.
Bene wischte über sein Smartphone und sprang auf.
„Schitt. Bin schon zu spät. Bis heute Abend. Tschüss Oma, tschüss Opi.“ Im nächsten Moment war er bereits aus der Tür. Kati seufzte und schlürfte an ihrem Kaffee.
„Irgendwie hatte ich mir die Ferien anders vorgestellt.“
„Freu dich, dass er Anschluss gefunden hat.“
„Das tu ich ja. Aber ich würde gerne auch ein bisschen Zeit mit meinem Enkel verbringen.“ Wieder schlürfte sie an ihrem Kaffee. „Wer geht jetzt mit mir auf die Wildwasserbahn?“ Herausfordernd schaute sie ihren Mann an. Der schüttelte lachend den Kopf. Nichts anderes hatte sie erwartet. Nach fünfundvierzig Ehejahren kannten sie einander nur zu gut.
„Dann hast du jetzt eben Zeit zum Sporttreiben. Sabine Kirschbaum hat mich gestern auf der Straße gebeten, dich an die Mittwochsgruppe zu erinnern.“
Kati verdrehte die Augen und stöhnte.
„Oder du besuchst alte Freundinnen.“
Kati runzelte die Stirn.
„Biggi, zum Beispiel.“
„Die ist in Südamerika und hält Vorträge über skurrile Krabbeltiere.“
„Sie ist wieder zurück. Und hat angerufen. Gestern. Hab ich vergessen, zu erwähnen. Sorry.“ Zerknirscht rührte Jo in seiner Tasse. Kati musterte ihren Mann. An die neue Frisur musste sie sich noch gewöhnen. Letzte Woche hatte er zum Haartrimmer gegriffen, da alle Friseure im Umkreis gleichzeitig ihre Läden für drei Wochen geschlossen hatten. Vielleicht saßen sie jetzt gemeinsam in Malle am Pool und witzelten über ihre Kunden. Jo konnte es schnuppe sein. Er kam jetzt ohne sie klar. Und Kati musste zugeben, dass die kurzen Haare sein markantes Kinn und die grünen Augen mit den braunen Sprenkeln hervorragend zur Geltung brachten. Da sah sie über den leichten Bauchansatz locker hinweg.
„Wieso hast du eben eigentlich gelächelt, als der Name Lilli fiel? Weißt du mehr als ich?“

Der Lastwagen stand im Schatten der Kirche, genau vor dem Haus im Parkverbot. Aus der Fahrerkabine wummerten fette Tanzbeats. Doch schon bald wurde die Musik übertönt vom Klappern der Stangen, Streben und Verbindungselemente, die drei junge Kerle in roten Arbeitshosen vom Laster hievten und vor dem Haus scheppernd auf den Boden warfen. Gewichte stemmen im Fitnessstudio hatten sie ebenso wenig nötig wie Besuche auf der Sonnenbank. Gebräunte athletische Arme schulterten Trittblech um Trittblech, so dass das Baugerüst schon bald erste Formen annahm. Jeder Griff saß. Wahrscheinlich taten sie nichts anderes, als Gerüste auf- und abzubauen.
Walter Heinrich riss das Küchenfenster auf.
„Da ist Parkverbot“, brüllte er.
Einer der jungen Männer schaute zu ihm hoch und winkte freundlich.
„Moinsen“, grüßte er und schulterte das nächste Trittblech. „Sind gleich wieder weg. Dauert nicht lang.“
Sein Kollege bohrte unterdessen Löcher in die Hauswand. Heinrich hatte genug gesehen und gehört. Er schlug das Fenster zu, schnappte sich den Schlüsselbund und verließ auf Schluppen seine Wohnung. Als er unten vor die Haustür trat, befanden sich die Arbeiter bereits auf der ersten Ebene. Von der nächsten könnten sie ungeniert in seine Küche sehen, was Heinrich äußerst missfiel.
„Was wird das hier?“, keifte er den Mann an, der gerade vom Gerüst sprang, um ein weiteres Trittbrett zu holen. Der tippte kurz an seinen Helm, sagte: „Dzień dobry!“ und ließ den alten Mann stehen. Heinrich griff nach einer der Stangen zu seinen Füßen und schlug damit gegen das Gerüst. Es schepperte. Jetzt hatte er die volle Aufmerksamkeit der Arbeiter.
„Spricht hier jemand Deutsch?“, bellte er nach oben.
Einer der Arbeiter hangelte sich zum Rand des Gerüstes und landete mit einem kühnen Sprung direkt neben ihm.
„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Die Freundlichkeit des jungen Mannes brachte den Alten zur Explosion.
„Hören Sie sofort auf mit dem Krach, mit dem Bohren und mit dem Gerüst. Was soll das Ganze überhaupt?“
Der junge Mann hob beschwichtigend die Hände.
„Wir machen nur unseren Job. Dann sind wir wieder weg. Lautlos kriegen wir das leider nicht hin, aber umso schneller Sie uns arbeiten lassen, umso eher haben Sie wieder Ihre Ruhe.“
„Je schneller“, bellte Heinrich, „desto eher.“ Er schnaubte verächtlich. „Ruhe. Von wegen. Solange das Gerüst da steht, hab ich keine ruhige Minute mehr. Jeder Hinz und Kunz kann dann in meine Wohnung einsteigen.“
Der Arbeiter zuckte die Schultern.
„Das fällt nicht in unseren Bereich. Sollten Sie mal mit Ihrer Vermieterin besprechen.“ Er griff nach dem nächsten Trittbrett und reichte es seinem Kollegen nach oben.
Heinrich versuchte, sich zu beruhigen. Er musste nachdenken. Und das gelang ihm nicht, solange er unter Dampf stand. Sein Blick glitt über die Straße. Schon von weitem erkannte er ihn an seinem Gang: Den Kopf hatte er vorgestreckt wie eine Schildkröte und die Arme baumelten so auffällig hin und her, dass es aussah, als rudere er sich vorwärts. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Michael Schulze hielt genau auf ihn zu, hob die Hand zum Gruß und blieb neben dem Lastwagen der Gerüstbauer stehen.
„Guten Morgen zusammen. Ihr seid ja fast fertig.“
„Was geht Sie das an?“, motzte Heinrich.
„Oh, diese Jungs hier stellen das Gerüst auf, damit ich in den nächsten vierzehn Tagen die Fassade dieses Hauses streichen kann.“
„Was denn? Zwei Wochen? Das glaub ich ja nicht.“ Heinrich wirbelte ins Haus. „Das werden wir noch sehen.“
Er ließ die Tür hinter sich zufallen und nahm die Treppen zum ersten Stock mit Schwung.
Der Tag verlief ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. In seinen vier Wänden angelangt, griff er nach dem Brief der Vermieterin, der auf dem Garderobenschränkchen in der Holzschale lag. Wieder und wieder überflog er das Schreiben, in dem Frau Müller-Bickenbach die Renovierungsarbeiten angekündigt hatte. Er schaute aufs Datum, an dem sie den Brief geschrieben haben wollte, und auf das Datum, das er darunter mit Kuli notiert hatte, dem Tag, an dem der Brief tatsächlich angekommen war. Missmutig verzog er das Gesicht. In Problemfällen wäre sie unter ihrer Handynummer erreichbar. Auf den Trick würde er nicht reinfallen. Wenn er sie kontaktierte, während sie die Mieteinnahmen an der Côte d’Azur in Rosé umsetzte, hätte er eine horrende Telefonrechnung an der Backe und immer noch ein dämliches Gerüst vor der Nase. Und das war es, was ihm die eigentliche Laune gründlich verdarb. Er konnte seiner Lieblingsbeschäftigung nicht mehr nachgehen, denn das Gerüst versperrte ihm den freien Blick auf die Straße.
Im selben Moment hatte er eine grandiose Idee. Walter Heinrich lächelte gehässig und griff zum Telefon.